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Waldhaus

Geschichte

Frei für Gemeinschaft

Land sollte niemandes Besitz sein, dachte sich ein Freundeskreis
– und gründete einen Allmende-Verein.

Von Jochen Schilk und Caroline Remy

Mit vereinten finanziellen Kräften ein schönes Stück Land »frei«­kaufen, um es sodann einer noch nicht absehbaren Gemeinschaft zu überlassen – im Rückblick ist es erstaunlich, dass dieser Plan von rund zwanzig jungen, idealistischen Habenichtsen nach zehn Jahren eine schöne Erfolgsgeschichte feiert.

Es war einmal im Jahr 1999: Wir jüngeren Mitglieder der Lebensgemeinschaft Klein Jasedow begannen, für uns selbst und andere junge Menschen jährliche Sommercamps abzuhalten. Wir wollten auf diese Weise in Kontakt mit alten Freunden aus dem süddeutschen Raum und Berlin bleiben, und wir wollten in der als sehr abgelegen empfundenen Kulisse Ostvorpommerns einen Anziehungspunkt für interessante, neue Bekanntschaften etablieren. Das Thema, das uns dann für sieben Jahre jeweils eine Augustwoche lang auf der Wiese am See zusammenbrachte, war »Gemeinschaftsbildung«. Hierzu organisierten wir Workshops und Spiele mit externen und internen Experten, vor allem aber genossen wir die alten und neuen Freundschaften in der sommerlichen Atmosphäre der Camp-Gemeinschaft. Zwischen den Lagerfeuerliedern und instrumentalen Jamsessions wurde so mancher Plan geschmiedet: Ja, eigentlich müsste man wirklich irgendwann, irgendwo zusammenziehen und »echte« Gemeinschaft leben …
Es war während Sommercamp Nummer drei im Jahr 2001, als sich bereits ein stattlicher fester Kern alljährlicher Teilnehmerinnen und Teilnehmer herausgebildet hatte. Bei einer Redestab-Runde erklärte Reyk, er sei der theoretischen Debatten übers Gemeinschaftgründen überdrüssig, es wäre doch nun wohl endlich an der Zeit, in die Praxis überzugehen. Er habe gehört, dass 40 Kilometer weiter ein altes Forsthaus samt Waldlichtung zu günstigen Konditio­nen zum Verkauf stünde. Warum sich die Immobilie nicht angucken und sehen, wie ernst es der Sommercampgruppe mit der Gemeinschaftsbildung wirklich ist? – ­Gesagt, getan. Am folgenden Tag fuhr die gesamte Mannschaft nach Krusenfelde bei Anklam, und eine etwas verrückte Unternehmung nahm ihren Lauf.

Den feinen Ruf des Orts hören
Wer hätte dem Charme des Waldhauses an jenem sonnigen Tag widerstehen können? Ein etwa 100 Jahre alter Backsteinbau auf einer wildromantischen, gut zwei Hektar großen Waldlichtung. Alte Obstbäume, Tausende von Vögeln, Eidechsen und Brennnesseln. Und schon fing die Fantasie an, die Brache in einen blühenden Gemeinschaftsgarten zu verwandeln. Das Waldhaus war zu DDR-Zeiten eine Gaststätte gewesen, und die Bewohner der umliegenden Dörfer hatten sich am anderen Ende der großen Wiese ein sozialistisches Freibad gebaut, dessen Reste sich in einem Feuchtbiotop nur mehr erahnen ließen. Das Haupthaus war zwar nicht mehr als ein Rohbau, aber die Substanz schien in Ordnung. 60 000 DM ­­war der Preis, abzubezahlen in bequemen 400-Mark-Monatsraten. Wir rechneten: Wenn 20 von uns monatlich jeweils 20 Mark aufbrächten, würden wir Haus und Hof binnen zwölfeinhalb Jahren freikaufen können. Freikaufen für wen oder was? Tatsache war, dass es – abgesehen von Reyk – in unserer Runde niemanden gab, der oder die sich vorstellen konnte, diesen ebenfalls weit abgelegenen Flecken Erde in absehbarer Zeit zu besiedeln. Alle steckten entweder in irgendwelchen Ausbildungen und Weltreiseplänen oder waren, wie wir Jasedower, bereits gemeinschaftlich gebunden. Und trotzdem waren wir uns einig, dass der Ort uns meinte, uns rief, genau uns aufzufordern schien, diese Gelegenheit auf keinen Fall verstreichen zu lassen. Das Waldhaus wollte und durfte nicht wieder in Privathände gelangen. Hatten die amerikanischen Ureinwohner nicht die Möglichkeit kategorisch ausgeschlossen, dass Menschen Teile von Mutter Erde besitzen könnten? Eben! Auch wenn es möglicherweise den Regeln der Vernunft widersprach, so würden wir doch zusammen dafür sorgen, dass das Gelände in irgendeiner Form für gemeinschaftliches Zusammenleben – oder zumindest für gemeinschaftliche Zusammenkünfte – offen blieb.
Das Erstaunliche war nun, dass die Entscheidung pro Waldhauskauf eine ganz neue Dynamik in den Sommercamp-Freundeskreis brachte, ja, unsere Gemeinschaft auf eine andere Ebene hob. Noch im selben Jahr trafen wir uns weitere zwei Male für ein Wochenende, denn eine Rechtsform für den Immobilienkauf musste her. Privatbesitz – und sei er auch nur nomineller Natur – lehnten wir ja ab, also versuchten wir, eine Brücke zwischen unseren durchaus anarchistischen Vorstellungen und der legalen, bürokratischen Welt zu schaffen. Das Ergebnis tauften wir in Anlehnung an die alte Tradition des dörflichen Gemeinschaftsbesitzes »Allmende e. V., Verein für Zusammenkunft und Gemeinschaft«. Eifrig führten wir in den folgenden Jahren die nun begonnene Tradition der Wochenendtreffen fort. Manchmal in nur zweimonatigem Abstand kamen wir an verschiedenen ländlichen Orten in ganz Ostdeutschland zusammen und ließen unter anderem auf der Burg Lohra, dem Kesselberg oder in Drei Eichen den »Allmendegeist« aufleben.
Das Waldhaus wurde währenddessen im Mai 2002 tatsächlich durch zwei Paare aus unserem Kreis besiedelt, darunter auch Reyk, und die ersten Waldhaus-Allmende-Kinder wurden geboren: Luna und Joscha.
Dass der ursprüngliche Geist über Jahre hinweg erhalten blieb, obwohl die Mitglieder des Freundeskreises und Vereins doch zwischen Afrika, Bayern und der Ostsee verstreut lebten, möchten wir als Erfolg eines schönen Experiments verbuchen. Fast noch unglaublicher scheint mir jedoch die Tatsache, dass wir in diesem Frühjahr tatsächlich die letzte Mietkaufrate für das Waldhaus überwiesen haben. Obwohl sich keiner von uns als finanziell gut ausgestattet bezeichnen kann, haben wir – ein Kreis von Habenichtsen – in einem Jahrzehnt gemeinsam mehr als 35 000 Euro für das Projekt aufgebracht. Die meisten von uns haben ihr knappes Geld in ein Haus gesteckt, von dem sie wussten, dass sie nie dort wohnen würden. Wenn einer von uns sich seine Monatsspende (meist zwischen fünf und fünfzehn Euro) nicht mehr leisten konnte, fand sich irgendein neuer Idealist, der die Idee, ein Haus für andere zu kaufen, verrückt genug fand. Als es darum ging, die bis dahin nicht zum Grundstück gehörige Schwimmbadwiese zu erwerben, haben wir zusammen Geld auf Berliner Flohmärkten verdient und Benefizpartys veranstaltet – und dabei, wie immer, viel Spaß gehabt. Wir trafen uns zu Arbeitseinsätzen im Waldhaus, absolvierten jährlich die obligatorischen Vereinsversammlungen, und eine ganze Weile verfolgten wir auch die bei unserem Gründungstreffen begonnene Schwitzhütten­tradition. (Eine stilisierte Hütte dient uns sogar als Logo.)

Sind wir besessen?
Ein Sorgenkind war über die Jahre allerdings immer wiederkehrend die Frage der Waldhaus-Besiedelung. Das erwähnte erste Gemeinschaftsprojekt zweier junger Familien trennte sich nach kaum einem Jahr. Es gab Zeiten, da stand das Haus leer, obwohl sich die Interessenten die Klinke in die Hand gaben. Eine Weile war auch nicht klar, ob die Baubehörde uns überhaupt eine Sanierungsgenehmigung geben würde, doch diese bange Frage wurde kürzlich endlich positiv entschieden. Seit drei Jahren lebt im Waldhaus ein Paar mit drei Kindern, sie wünschen sich weitere Menschen, die mit ihnen den Ort beleben möchten. Zukünftige Hüter des Platzes sollten bereit sein, z. B. die am Haus zu tätigenden Investitionen als Beitrag zum Gemeingüter-Projekt abzuschreiben. (Und es wäre sicherlich gut, wenn sich der nächste Gemeinschaftsansatz mit den existierenden Methoden für erfolgreiche Gemeinschaftsbildung und fürs Friedensstiften befassen würde …)
Unsere Vision war und ist stark, der stetige Zusammenhalt half, das Feuer der Begeisterung zu nähren und auch über dunklere Zeiten zu retten. Der zeitliche Abstand zwischen den Treffen wurde zwar größer, und ihre personale Zusammensetzung hat sich im Lauf der Jahre freilich immer wieder gewandelt, so dass zu den jüngeren Zusammenkünften manchmal sogar mehr Neulinge als »alte Hasen« erschienen. Die Idee von Treffen in natürlicher Gemeinschaft und vom Landfreikauf vermag aber offenbar noch immer Menschen hinter ihren Öfen hervorzulocken …
Es gibt ein wunderschönes Grundstück zu verschenken, aber niemand soll es besitzen. Wir Allmendies feierten Anfang Mai erst einmal eine große Jubelparty mit »unserem« Waldhaus. Hier konnten wir feststellen, dass der Allmendegeist nicht nur vor Ort lebt, sondern in vielen verschiedenen Gemeinschaftsprojekten, die aus dem Kreis entstanden oder mit ihm befreundet sind. Wir können ein starkes Netz fühlen und dürfen gespannt sein, was der Allmendegeist als nächstes mit uns vorhat …  

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[aus: Oya 09 — Juli/August 2011, www.oya-online.de ]

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